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5. Religion und Naturwissenschaft im Licht der modernen Physik

Wenn Rationalität gründlich und adäquat analysiert wird, werden sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen. Die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit ist letzten Endes die Suche nach Gott. Zu dieser Einschätzung gelangt der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne, und er liefert dafür zahlreiche Beispiele aus der Physik und Theologie. Ihm kommt es darauf an, dass sich Analogien zwischen der Entwicklungsgeschichte physikalischer Theorien und theologischen Aussagen aufstellen lassen. Er weicht dabei auch so schwierigen Fragen nicht aus wie „Können ‚Wunder’ als Ereignisse eines Eingreifens in den von Gott selbst geschaffenen Kausalzusammenhang gelten?“. Manche Physiker und Theologen übernehmen aus der Quantentheorie ein neues Verständnis der Wirklichkeit, indem in der subatomaren Dimension nicht mehr von einer Summe von mechanisch beeinflussbaren Teilchen ausgegangen wird, sondern von einer totalen Ganzheit von Beziehungen. Diese neuen Deutungen haben zu der Frage geführt, ob dem Verständnis der Gott-Welt-Beziehung im Unterschied zu einem naturalistischen Materialismus nicht auch Gedanken einer philosophischen Theologie mit naturwissenschaftlichen Analogien zugrunde zu legen wären, (wie das bei Autoren wie H.P. Dürr, H. Primas, Whitehead, Zeilinger und H.R. Stadelmann anklingt, auf die im Nachfolgenden kurz eingegangen wird.)

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Die Einheit allen Wissens

Mit dem Verhältnis von Erkenntnissen der modernen Physik zu der Frage nach Gottes Wirken in der Welt hat sich der britische Physiker und Theologe John Polkinghorne befasst, zu dessen Gedanken der theol. Arbeitskreis der Evangelischen Akademikerschaft eine ausführliche Stellungnahme veröffentlicht hat.
Für Polkinghorne gilt als Fazit:

Wenn die Realität gründlich und adäquat analysiert wird, dann wird unser Wissen von ihr sich als einheitlich herausstellen. Wenn Rationalität gründlich und adäquat analysiert wird, werden sich Naturwissenschaftler und Theologen als Partner in der Suche nach Verstehen erweisen.

Die letztliche Integrität und Einheit allen Wissens erlaubt es und fordert dazu heraus, einen realistischen Standpunkt über die Naturwissenschaften hinaus auszuweiten, um mit vielen anderen Forschungsfeldern auch die theologische Reflexion unserer Begegnung mit dem Göttlichen einzuschließen. Die immer weiter gehende Suche nach der Wahrheit der Wirklichkeit ist letzten Endes (theologisch gesehen) die Suche nach Gott.

Theologie und Naturwissenschaft können jede auf ihre Weise verkünden, dass man ein wahrheitsgemäßes Verständnis der Realität gewinnen kann, das letzten Endes nicht durch logische Demonstration, sondern durch unsere kreativen Intuitionen geschaffen wird.

Metaphysischer und naturwissenschaftlicher Ansatz komplementär?

Gesucht wird der metaphysische Ansatz, der mit gleichem Ernst sowohl den mentalen als auch den materiellen Pol des Seins – in einem „komplementären“ Verständnis einer einzigen Realität – aufgreift. Wenn dies als Spekulation erscheint, so mangelt es ihr doch nicht an Begründung.

Polkinghorne stellt in Abrede, dass die Theologie eine ganz andere Art von Theoretizität aufzuweisen habe wie die Naturwissenschaft, weil ihr Gegenstand ein ganz anderer sei.

(Wobei die Physik im Übrigen durchaus eine andere Form der Theoretizität, nämlich der mathematischen, zugrunde legt, als etwa die Chemie und die neue Leitwissenschaft der Biologie).

Es kommt ihm auf den Erweis an, dass wir uns fundamental gleicher Denkweisen bedienen müssen, wenn wir über göttliche und weltliche Dinge reden. Konzepte mit hoher Erklärungskraft weisen einen ontologischen Bezug auf, gleich ob sie sich auf sichtbare oder unsichtbare Entitäten beziehen, auf „Quarks, Gluonen oder Gott“. Ihre Existenz bildet die Basis dafür, dass wir verstehen können, was vor sich geht. Ihm kommt es darauf an, dass sich nach dem Gesagten Analogien zwischen der Entwicklungsgeschichte physikalischer Theorien und theologischen Aussagen aufstellen lassen.

Ihm geht es um die Analogie zwischen Physik und Theologie. Wissenschaftstheoretisch gesprochen, gibt es in beiden Bereichen Momente radikaler Revision, in denen Erkenntnisse der Vergangenheit in einen neuen intellektuellen Zusammenhang gestellt werden.

Das alte Verständnis wird „transzendiert“. Die ungelösten Probleme der neuen Theorie verlangen nach einem fortgesetzten Ringen um ein umfassendes Verständnis. Dies führt wiederum zu Implikationen, die bei der Formulierung der neuen Theorie überhaupt nicht zu erwarten waren.

In der christlichen Theologie sieht Polkinghorne diese „Theoriendynamik“ in den Lehren von der wesentlichen Göttlichkeit Jesu und seiner Auferweckung und Erhöhung exemplifiziert.

Auch das traditionelle christliche Gottesbild ist für ihn durch rationale Reflexion entstanden.

Sehr ernst nimmt Polkinghorne aber die Frage, ob es intellektuell redlich sein kann, vom Handeln Gottes in der Welt zu sprechen, angesichts der Aussagen der Naturwissenschaften über die gesetzmäßige Entwicklung der Welt. Können etwa Wunder als Ereignisse eines solchen Eingreifens in den von Gott selbst geschaffenen Kausalzusammenhang gelten?

Nach seinem Ergebnis ist jedenfalls die christliche Überzeugung gerechtfertigt, dass Gott den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen muss.

Schon unser Gebrauch personaler Sprache im Reden von Gott zeigt an, dass wir ihn nicht für indifferent halten, dass er kategorial etwas anderes repräsentiert als etwa das Gesetz der Schwerkraft, dass er auch etwas anderes ist als der deistische Erhalter.

Hypothetisch nimmt Polkinghornes Gottesverständnis seinen Ausgang von der Existenz theoretisch begründeter Unvorhersagbarkeiten in der Welt. Doch bezieht er sich dabei nicht auf die Quantentheorie. Mit der Unschärfe ihrer Ereignisse bildet diese einen populären Anknüpfungspunkt dafür. Aber atomare und subatomare, quantentheoretisch gedeutete Ereignisse scheinen einfach nicht der geeignete Anknüpfungspunkt für holistische Kausalität, weil der zugrundeliegende Prozess eine Offenheit auf der Ebene der klassischen Physik makroskopischer Phänomene generieren muss. Wir verstehen aber bis heute nicht hinreichend, wie die Ebenen der Mikrowelt und der Makrowelt ineinander greifen. (Die ungelöste Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass die Abgrenzung der Quantenwelt von der Welt der klassischen Physik nicht eindeutig an einen Größenmaßstab gebunden ist. Heute gelingt es etwa, Quantenphänomene an Vielteilchensystemen nachzuweisen, die man bereits der Makrowelt zuordnen kann, während andrerseits selbst einzelne Atome in einer Weise manipuliert werden können, als wären sie der durch die klassische Physik beschreibbaren Welt zuzuordnen).

„Kausale Fugen“ für das Eingreifen Gottes

Polkinghorne hält dementsprechend nach makroskopischen Phänomenen Ausschau, die als „kausale Fugen“, als Eingriffsstellen für außernatürliches Wirken in die lückenlosen Kausalketten der natürlichen Abläufe gelten könnten.

So können etwa in den sogenannten dissipativen Systemen kleine Auslöser weitreichende Muster hervorbringen. Auf diese Weise entstehen im Reich des Lebendigen haltbare Strukturen, wenn den offenen Systemen der Organismen Energie zugeführt wird, die ihnen erlaubt, „gegen die Entropieflut anzuschwimmen“. Doch bleiben für Polkinghorne Zweifel, ob solche Systeme Beispiele für ein „von oben nach unten“ (top-down) gerichtetes Wirken sind.

Er wendet sich deshalb den sogenannten „chaotischen Systemen“ zu, die den überwiegenden Teil der natürlichen Abläufe beherrschen. Sie sind von Karl Popper als einem der ersten im Bild von „Wolken und Uhren“ charakterisiert worden. Es stellt sehr anschaulich vor Augen, dass „wolkige“ Systeme im Unterschied zu „uhrwerksmäßigen“ sich ihrem Wesen nach unvorhersagbar verhalten. Nicht, weil wir zu wenig über sie wissen, sondern weil sie gleichsam auf der Kippe stehen, von wo aus sie sich bei geringfügigstem Anlass in die eine oder andere Richtung , aber nicht in jede beliebige, entwickeln können. (Die Einschränkung der Beliebigkeit rührt daher, dass diese Systeme, in der Formulierung der Chaostheorie, nur den Raum ihres jeweiligen „seltsamen Attraktors“ durchqueren können. Dieser repräsentiert die Fülle aller möglichen Zustände des Systems, die derselben totalen Energie korrespondieren).

Entscheidend ist nach Polkinghorne für diesen Gedankengang, dass zwischen dem, was wir von den Dingen wissen (Epistemologie) und dem, was sie sind (Ontologie) ein logischer Zusammenhang besteht, dass sich also epistemologische Unschärfe in einer kritisch-realistischen Interpretation als ontologische Offenheit verstehen lässt. Dann kann ein neues kausales Prinzip die künftige Entwicklung bestimmen.

Und das ist keine neue Art energetischer Kausalität. Der Energiehaushalt des Systems bleibt unbetroffen. Beeinflusst werden nur die Muster der sich entfaltenden dynamischen Entwicklung. Das aber kann nach Polkinghorne einem Verständnis „göttlichen Handelns von oben durch aktive Information“ korrespondieren.

Diese Offenheit des Weltprozesses bedeutet auch, dass nicht einmal Gott die Zukunft vorauswissen kann, weil er eine offene Welt im Werden schuf. Ein deutlicher Unterschied zum Bild des klassischen Theismus.

Dieser metaphysische Ansatz erfasst mit gleichem Ernst sowohl den mentalen/geistigen als auch den naturalen Pol des Seins, beide verstanden als komplementäre Bestandteile einer einzigen Realität. Er berücksichtigt nun noch nicht die dramatische Entwicklung der Forschung der letzten Jahrzehnte unter den Stichworten der quantenphysikalischen „Verschränkung“ (entanglement). Polkinghorne nimmt auf sie in seinem 1998 erschienenen Werk „Belief in Gold in an Age of Sciences“, das den Diskussionen im Arbeitskreis zugrunde lag, ausdrücklich keinen Bezug. Heute scheint dies unumgänglich, wenn man auf dem Stand argumentieren will, den die Wissenschaft seit der immer noch umstrittenen Kopenhagener Deutung des Welle-Teilchen-Dualismus der Quantenmechanik erreicht hat. Dieser ist keineswegs mehr die einzige Zumutung der Quantentheorie an unseren Verstand.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht jetzt die „Nichtlokalität der Welt“, die sich aus der realistischen Deutung des sogenannten EPR(Einstein-Podolsky-Rosen)-Paradoxes von 1935 ergibt, der „spukhaften Fernwirkung“ zwischen verschränkten Elementarteilchen.

Die Experimente seit den 60er Jahren haben gezeigt, dass diese Phänomene, ersonnen als Gedankenexperiment zum Nachweis der Unvollständigkeit der Quantenmechanik, in der Realität fundiert sind.

Die Welt als Ganzes begreifen

Denn die materielle Welt lässt sich heute nicht mehr als eine Summe von Teilen, sondern nur noch als ein Ganzes begreifen, in dem alles miteinander in Wechselbeziehung steht. Moleküle, Atome, Elektronen Quarks oder Strings sind nicht eigenständige Bausteine der Materie, sondern existieren nur dank ihrer Wechselwirkung mit der Umgebung.

Anton Zeilinger (einer der führenden Physiker auf dem Gebiet der „Quantenverschränkung) hat mit seinem Team, parallel zu anderen Forschergruppen, den experimentellen Nachweis für die Verschränkung von Photonen erbracht, zuletzt in Freilandversuchen auf den Kanarischen Inseln, in denen die Eigenschaften von Lichtquanten über mehr als 140 km teleportiert wurden. Man spricht bereits davon, dass damit der Weg in die praktische Anwendung der „Quantenkryptographie“ offenstehe. Das könnte bedeuten, dass das von den meisten Physikern verfolgte Standardmodell der Kosmologie nicht ohne weiteres mit einer holistischen-nichtlokalen Weltvorstellung vereinbar ist. Und wir können andererseits nach der Erkenntnistragweite solcher unterschiedlichen theoretischen Befunde fragen, statt uns umstandslos dem Welterklärungsmonopol einer für homogen gehaltenen Naturwissenschaft zu unterwerfen.

Denn offenbar muss man davon reden, dass die Quantenphysik nicht nur das mechanistische Weltbild überwunden hat, sondern auch die Grenzen einer materialistisch interpretierten Vielkörper-Welt überschreitet.

Wie der Physiker H.-P. Dürr in seinem Buch „Das Lebendige lebendiger werden lassen“ darlegt, war und ist das Weltbild der klassischen Physik, dessen Fundamente durch Galilei, Descartes und Newton gelegt wurden, mechanistisch, eine Welt unabhängiger Objekte. Die Inhalte dieser Welt sind begreifbar im doppelten Sinn. Im Denken sind sie durch Begriffe deutbar. Und diese Natur ist stofflich, materiell. Man kann sie zerlegen, ohne dass ihre materiellen Eigenschaften verloren gehen. Man konnte also die reine Materie, das Unteilbare, das Atom suchen, das im Lauf der Zeit immer mit sich selber identisch bleibt. Diese zeitliche Kontinuität der Materie gewährleistete die Kontinuität der Welt. Veränderung entstand aus der Umordnung der kleinsten Teile. (Das war schon die große Denkleistung Demokrits gewesen, die zwischen der permanenten Veränderlichkeit Heraklits und dem ewig und unveränderlich Einen des Parmenides vermitteln wollte).

Die Welt ist mehr Form und Beziehung als Materie

Diese Physik war in ihrer Anwendung auf die Welt äußerst erfolgreich. In ihrem Weltbild gilt Materie als das Grundlegende, die Form ist eine aus ihrer Anordnung abgeleitete Eigenschaft. Ihre kleinsten Teile, die Atome, sollten formlose Materie sein. Weil wir gelernt haben, dass sie sich noch weiter in „Elementarteilchen“ zerlegen lassen, verdichtet sich der Verdacht, dass damit noch kein Ende erreicht ist und auch nicht erreicht werden kann. Zum Ende kommen wir aber auf ganz unerwartete Weise: In der Erwartung kleinster, gestaltloser, reiner Materie bleibt am Ende nichts mehr übrig, was an Materie erinnert. Im Grunde gibt es nur den Geist. Die Physik sagt nunmehr: Materie ist nicht aus Materie aufgebaut.

Am Schluss ist kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung.

Das heißt aber auch, die moderne Physik ist für unsere Sprache gar nicht geschaffen. Wie eine Analogie zum gläubigen Reden von den göttlichen Dingen mutet an, was Heisenberg festgestellt hat: Die QT ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann.

Die Physiker aber erzielen die Genauigkeit eines Verständnisses von nicht unmittelbar Vorstellbarem durch höhere Abstraktion und mit der flexibleren Sprache der Mathematik.

Die Weiterung dieser Gedanken führt bei Dürr dahin, dass es nur das geistig Lebendige gibt, nur Wandel, Veränderung, Operationen, Prozesse. In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen, jedoch im Erwartungsfeld der ständig abtretenden Welt. Darum bleibt uns auch die Zukunft verschlossen. Sie existiert überhaupt nicht. Die gesamte alte Potentialität gebiert die neue und prägt dabei neue Realisierungen, ohne sie eindeutig festzulegen. Das ist nicht einfach Entwicklung, Entfaltung. Noch nie Dagewesenes wird geschaffen, in echter Kreation.

Es gibt nur Gestaltveränderung, Metamorphose. Als offene Beziehungsstrukturen lassen sich solche Veränderungen nicht isolieren.

Folgen wir Dürr und Zeilinger et al., so ergibt sich ein „modernes Weltbild“, das zu ganz anderen Vorstellungen vom Gottesglauben führen wird, als wenn wir in einem naturalistischen Materialismus befangen bleiben.

Auch die Physiker sind freilich in der überwiegenden Mehrzahl bis heute bei der Beschreibung der materiellen Welt im Mikrokosmos, der Welt der Atome hängengeblieben. Das moderne Paradigma dieser Physik ist das sogen. Standardmodell. Deshalb scheint die Frage wichtig, ob man sich auf Dürres folgenreiche Neudeutung der QT überhaupt einlassen will.

Denn wenn es Teilchen im alten Sinn nicht mehr gibt, dann, wie Dürr ausführt, auch keine zeitlich mit sich selbst identischen Objekte, also auch keine zeitlich durchgängig existierende objekthafte Welt – dann kann man auch durch noch so genaues Faktensammeln die Zukunft nicht vorhersagen.

Man öffnet durch die Beobachtung lediglich ein Erwartungsfeld von Möglichkeiten.

Die Zukunft bleibt offen, wenn auch nicht beliebig und zufällig, weil sie noch durch Bedingungen eingeengt ist, die mit den physikalischen Erhaltungssätzen zusammenhängen und aus den Symmetrieeigenschaften der Dynamik resultieren. Sie sorgen dafür, dass im Großen überhaupt die in der Physik verwendeten Kenngrößen erhalten bleiben.

Das kann wie ein Teil der Antwort auf die Frage klingen, wie es denn um die auffallende Beständigkeit der uns handgreiflich entgegentretenden Welt bestellt ist, mit der Vielfalt und Dauerhaftigkeit ihrer Elemente, deren Manipulation den Wirkungsbereich der Chemie ausmacht und die auch die biologischen und neurologischen Wissenschaften wie selbstverständlich zugrundelegen, ohne nach ihrer „letztlichen Eigentlichkeit“ zu fragen.

Dürres Ausführungen erwecken allerdings den Eindruck, als werde das bisher nicht Begriffene, dass sich die Materie bei höchster Auflösung der Beobachtung entzieht und gleichsam verdunstet, nur in anderer Weise wortreich umschrieben, ohne dass sich für ein ontologisches Verständnis Neues ergibt. Er zieht sich anscheinend auf die von der evolutionären Erkenntnistheorie bekannte Feststellung zurück, dass unser am Mesokosmos trainiertes Gehirn nicht darauf programmiert ist, die QT zu verstehen. Der Anschluss des quantenmechanischen Mikrokosmos an die makroskopische Welt der klassischen Physik, den Polkinghorne vermisst, bleibt letzten Endes der Vermutung anheimgestellt.

Die mikroskopische Naturgesetzlichkeit ist demnach so verfasst, dass makroskopisch die uns bekannten Naturgesetze erscheinen. Es sieht dann so aus als hätten wir das Kausalgesetz und als sei die Zukunft von daher aus der Vergangenheit determiniert. Dann formiert sich auch so etwas wie Materie, die sich teilen lässt und dabei Materie bleibt.

Wenn diese Ausführungen als zu weit über die ursprünglich vom Arbeitskreis anvisierte Thematik hinauszuweisen scheinen, so kann „Im Herzen der Materie – Glaube im Zeitalter der Naturwissenschaften“ (WBG, Darmstadt) von Hans-Rudolf Stadelmann, in gewisser Weise auf die ursprünglichen Intentionen zurückführen.

Vom antiquierten Weltbild zur evolutionären Erkenntnistheorie

Stadelmann hat als Atomphysiker gearbeitet und ist nach dem Studium der evangelischen Theologie Gemeindepfarrer in der Schweiz geworden.

Im Zentrum seiner Betrachtungen stehen ein evolutionäres Weltbild und daran anknüpfende Überlegungen zur evolutionären Erkenntnistheorie.

Was er einleitend (gleichsam als „Kroeger light“) über die Defizite kirchlicher Verkündigung auf der Grundlage eines antiquierten Weltbilds und über die Auswirkungen auf Kirchenbindung und Glaubenstreue sagt, geht über in eine schlüssige Darstellung des Weltbilds der modernen, von der Quantenmechanik dominierten Physik.

„Kernfragen des Glaubens“ kommen nicht zu kurz

Nicht zu kurz kommt im Anschluss daran aus theologischer Sicht das, was wir „Kernfragen des Glaubens“ genannt haben, d.h. das , was angesichts des neuen Weltbildes vom christlichen Glaubensbestand bleibt und was fallen muss, also Fragen nach Jesus Christus, Schöpfung, Offenbarung, Erlösung usw.

Stadelmann scheint auch im Nachgang zu den Stellungnahmen des theol. Arbeitskreises interessant, weil sich bei ihm die kontroversen Fragestellungen in einer evolutionären Deutung des Weltgeschehens zusammenfinden. Wer das alte Weltbild für dekonstruktionsreif hält, erhält ebenso eine Antwort wie theistisch Denkende und Fühlende.

Stadelmann bemüht dazu keinen Synkretismus, sondern nimmt, wie Polkinghorne, zu dessen Thesen sich kein Widerspruch ergibt, die Einheit der Welt und die Einheit der Vernunft zum Ausgangspunkt.

Diese Einheit findet er begründet in einem kosmischen Evolutionismus und in der evolutionären Erkenntnistheorie. Er beruft sich dabei vor allem H. Ditfurth, H.P. Dürr, G. Vollmer, neben einer respektablen Reihe anderer. Unter seinen theologischen Gewährsleuten findet sich H. Küng, aber auch M. Welker. Er setzt sich mit der psychoanalytischen Theologie Drewermanns auseinander und nimmt die Psychologie von C.G. Jung ernst. Im Hintergrund stehen Teilhard de Chardin und der Erkenntnisweg der Mystik.

Besondere Sympathie hegt Stadelmann für H. Ditfurths These von der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins im Feld des primordialen (göttlichen) Weltgeistes, die eigentlich der Schlussstein der evolutionären Erkenntnistheorie genannt werden kann: „Die Naturwissenschaft hat über das Sammeln von Fakten und Daten längst hinausgegriffen. Sie ist die Fortsetzung der Metaphysik mit anderen Mitteln“. (Hoimar von Ditfurth).

Auf diese Weise lassen sich also viele Themenstellungen und „Kernfragen“ in einen Zusammenhang bringen, die in den bisherigen Betrachtungen nur als einzelne Elemente aufgetaucht sind.

Was aus theologischer Sicht und der Perspektive individueller Gläubigkeit in großer Breite beigetragen und erarbeitet wurde und im Folgenden dargestellt wird, ist in stetem Hinblick auf die Skizzierung eines neuen Weltbild der Naturwissenschaften, vor allem der Quantenphysik und der Kosmologie, zu bewerten.

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