Beteiligen Sie sich an unserem Diskussionsprojekt!
Header

2. Was ist Glaube?

Vom Verständnis dessen, was mit „Glaube“ gemeint ist, hängt auch sein Inhalt ab: Ist es eine besondere Erkenntnisform, die weiter reicht als Gefühl und Verstand? Oder eine Grundhaltung, die das Handeln bestimmt? Worin liegt der Unterschied von Glauben und Wissen, von Religion und Naturwissenschaft? Wie kommen Menschen zum Glauben und welche Veränderungen sind festzustellen, zu wünschen? Anerkennung des Glaubens anderer auch bei erheblichen Unterschieden.

Zu den Diskussionsbeiträgen

Was meinen wir, wenn wir von „Glaube(n)“ sprechen?

Glaube ist Offenheit für MEHR : Hilfe, Helfen, Kraft, Verstehen. Gott.

Glaube ist Offenheit für MEHR: Für die größere Wirklichkeit, für die Existenz Gottes. Von daher kommen Gaben und Aufgaben: Mit dem Verstand erkennen wir, durch Arbeit schaffen wir, mit Gefühl empfinden wir: Schönes und Bedrohliches. Mehr oder weniger. Auf- oder abgeblendet. Ein Glaube an die größere Wirklichkeit verhilft zu einem Leben in größerem Zusammenhang: Mehr als in dem Namen Gott enthalten ist. Es darf ruhig noch MEHR als das sein. War im Wort zum Sonntag am 21.1.12 zu hören.

Nach religiösem Verständnis bedeutet das Tätigkeitswort „glauben“ vertrauen auf …, sich verlassen auf …, Rückbindung an eine höhere Wirklichkeit, Sich-richten-nach …, Offensein für: Offenbarung, Übernatürliches, Transzendentes.

Als Substantiv (Glauben) bezeichnet das Wort meist bestimmte (Lehr-)Inhalte einer Religion, also z.B. ein Verständnis von Gott, Jesus oder der Kirche. In einem Glaubens­be­­kenntnis sind solche wesentlichen Inhalte zusammengefasst, zur eigenen Vergewisserung, aber auch gegenüber „Andersgläubigen“: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

In Theologie und Glaubenspraxis äußern sich Unterschiede bei Glaubensinhalten einerseits in der Hervorhebung von besonderen Inhalten (z.B. Monotheismus, den Glauben an nur einen Gott, in den „Buchreligionen“ Judentum, Christentum und Islam).

Andererseits wird der eigene Glaube oft mit Hilfe von Negationen erklärt, also durch Abgrenzungen gegenüber anderen Auffassungen (oder von Teilen derselben). Dann glaubt jemand sozusagen etwas anderes (oder anders) als andere Gläubige. Die unzureichende Sprache des Glaubens wird durch Deutungen, wie „im übertragenen Sinne, nicht wörtlich zu verstehen“, Chiffren und Bildern ergänzt.

Einen grundlegenden Lebenssinn hat wohl jeder Mensch. Auch wenn dieser sich nicht in Worten ausdrücken kann, zeigt er sich doch im Verhalten. „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott“ schreibt Luther. Der Glaubende findet seinen Lebenssinn im Kontakt mit der größeren Wirklichkeit, mit Gott. Dadurch öffnet er sich auch anderen Menschen, für die er in liebender Zuwendung Verantwortung übernimmt: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Das Leben des einzelnen, aber auch der Gemeinschaft bekommt eine neue Qualität.

Inhalte und Formen des Glaubens

Die heutigen Inhalte und die Formen des Glaubens an Gott haben sich geschichtlich entwickelt. Sie beruhen auf Einsichten aus religiösen Erfahrungen, die Menschen gemacht und beschrieben haben. Persönlich sind sie von sozialisationsbedingtem Erleben und dessen deutender Verarbeitung in der jeweiligen Zeit geprägt.

Neben dem Glauben existieren die im Laufe der Geschichte angesammelten religiösen Traditionen.

Im christlichen Glauben gab es bei den Vorstellungen von Gott in den 2000 Jahren seit Jesus kaum Veränderungen. Die Entwicklung des zunehmend naturwissenschaftlich bestimmten Weltbilds beginnt sich nur zögernd auf den Glauben auszuwirken. In letzter Zeit wird mit positiver Bewertung von einer Evolution auch des Glaubens gesprochen.

Dazu schreibt G. Theißen in seinen „Glaubenssätzen“:

Schon das Urchristentum kannte
verschiedene Reflexionsstufen des Glaubens.
Alle sind gültig,
keine ist endgültig.
Alle nähern sich unvollkommen dem,
was letztgültig ist.

Wenn andere einen anderen Glauben haben

So gibt es in derselben (evangelischen oder katholischen) Kirche sehr verschiedene Arten des Glaubens. In dem Buch „Der Junge, der aus dem Himmel zurückkehrte“ („Eine wahre Geschichte“ von Kevin und Alex Malarkey) wird die Wunderheilung eines 10-jährien Knaben geschildert, der nach eigener detaillierter Aussage und Darstellung seines Vaters nach einem Autounfall während eines zweimonatigen Komas und danach im Himmel war. Dort begegnete er Gott, Jesus und vielen Engeln und sprach mit ihnen (was sich auch in der Rekonvaleszenz fortsetzte). Die Heilung der Trennung des Kopfes von der Wirbelsäule wurde als übernatürliches Wunder der Kraft vieler Gebete zugeschrieben, so wie auch erstaunliche Hilfen, die die Familie von anderen Menschen empfing. Bibelstellen – wie etwa die Aussage Jesu: „bei Gott sind alle Dinge möglich“ (Mt 19,26) – werden wörtlich verstanden und als Erklärung für viele unwahrscheinliche Ereignisse herangezogen. Auch in den Gebeten findet der Glaube an die Allmacht und Güte des persönlich erfahrenen Gottes seinen Ausdruck.

Diese Glaubensform findet auch bei vielen jungen Menschen volle Zustimmung.

Andere Gläubige verstehen viele Bibelworte und Berichte über das direkte Eingreifen Gottes oder von Jesus Christus in den Geschehensablauf mehr in einem übertragenen Sinn. Wenn es sich um Beschreibungen von Ereignissen handelt, die im Widerspruch zu gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehen (oder diese, weil transrational wie z,B. „Himmel“, transzendieren), fragen sie nach der Absicht und nach dem Sinn, dem Wesentlichen solcher Erzählungen (der sich meistens auch finden lässt).

Nicht wenige Kirchenmitglieder, darunter auch Theologen, halten die bis heute tradierten und im Kirchenvolk ver­ankerten Gottesbilder, also die vorwiegend anthropomorphenVorstellungen von Gott, mit unserem heutigen Weltbild nicht mehr vereinbar, so auch der Theologe und Physiker H.R. Stadelmann: Er fragt, „ob einige der tradi­tionellen christlichen Begriffe und Glaubensinhalte (Trinität, Hei­liger Geist, Reich Gottes, Ewiges Leben usw.), allenfalls neu inter­pretiert, beibehalten werden können oder ob sie als heute nicht mehr verständlich und im Widerspruch zu unserem Weltbild ste­hend fallen zu lassen sind.

Die Einstellungen zu den jeweils anderen Glaubensweisen sind meist mehr oder weniger kritisch oder abwertend. Die Erfahrung von Hilfe von Gott, Jesus oder – für Katholiken – auch von Maria wird von Kritikern als altertümlich, Einbildung oder sogar als Aberglauben abgelehnt. Wundergläubige mit direkter, persönlicher Gotteserfahrung dagegen sehen Wesentliches des Glaubens aufgegeben, wenn Aussagen der Bibel nicht mit allen Einzelheiten wörtlich verstanden werden – was den Ausschluss vom ewigen Heil zur Folge haben kann.

Erfreulicherweise nimmt aber die Bereitschaft zu, anderen Menschen ihre eigenen Glaubensformen zuzugestehen und sich trotzdem mit ihnen im Glauben verbunden zu fühlen. Die Frage nach der Wahrheit eines Glaubensinhalts führt bei ihnen nicht zur Aufgabe oder zum Ausschluss von Gemeinschaft, sondern zu gegenseitigem Respekt und Interesse. Wenn Glaube als Geschenk (Gottes) verstanden wird, kann auch bei großen Unterschieden das Wesentliche z.B. des christlichen Glaubens bei anderen als vorhanden und wirksam vorausgesetzt und gesehen werden. Dabei ist auch daran zu erinnern, dass in vielen Religionen und auch im christlichen Glauben nicht die Wahrheitsbehauptung für eine Lehre das Wichtigste ist, sondern die Liebe (nach Paulus), die im Vergleich zu Glaube und Hoffnung die größte ist!

Wenn das beachtet wird, können sowohl die Rechtgläubigen wie auch die Offenen für neue Glaubensformen ihre eigenen Auffassungen nicht nur selbstbewusst praktizieren und vertreten, sondern dürfen diese durchaus auch Anhängern anderer Glaubensformen zeigen und erklären – ohne allerdings deren Überzeugungen herabzusetzen. Das zu vermeiden bringt auch für die eigene Glaubensform Fortschritte. (Ausprobieren lohnt sich!)

Das Entstehen von Glauben wird als Geschenk erfahren

Glaube ist eine menschliche Fähigkeit, transzendente Wirklichkeiten zu erahnen, zu erkennen und danach zu handeln. („Religiöse Erfahrung ist ‚Gedeutete Wahrnehmung’ “):

Das Wort „Glaube“ wird in den meisten Aussagen und Texten unseres Kulturkreises ganz selbstverständlich verstanden als Glaube an den christlichen Gott, als sein Geschenk. Es gibt Berichte und Erklärungen von eigener Entscheidung zum Glauben: Bei einer in der Bibel berichteten Dämonenaustreibung kommt der Vater des kranken Jungen nach der an Jesus gerichteten Bitte „… hilf meinem Unglauben!“ zum heilenden Glauben. Und der Ausruf Jesu „Ihr ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein, wie lange soll ich euch ertragen?“ klingt vorwurfsvoll. Dass ein Mensch zum Glauben kommt, ist also nicht selbstverständlich, sondern hängt von seiner Offenheit dafür ab.

Aber nicht nur in der Geschichte von der Heilung eines Kranken durch Jesus kommt der Glaube als Geschenk, auch in vielen anderen Bibelstellen und nicht zuletzt bei Martin Luther ist das so: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann …“

Gott hat per definitionem vor menschlichen Möglichkeiten zu glauben existiert. Demgemäß verdanken die meisten „Gläubigen“ ihren Glauben nicht der eigenen Anstrengung, Begabung oder Findigkeit, sondern er ist ihnen zugekommen. Darin wird persönliche und individuelle Zuwendung und Fürsorge Gottes erfahren. Diese kann unter anderem in der Erziehung, der Begegnung mit dem Nächsten, auch in besonderen Erlebnissen gesehen werden. Zunehmend wird aber heute die Entscheidung für oder gegen die Annahme bzw. Beibehaltung eines religiösen Glaubens vom einzelnen Menschen selbst getroffen.

Der eigene Glaube unterscheidet sich wie das Gesicht eines Menschen von allen anderen. Ist es nicht so, dass das Neugeborene durch die Eltern Vertrauen lernt – das von glaubender Einstellung geprägt sein kann? Auf diesem Fundament begegnet es der Umwelt und findet seinen Platz in der Welt: behütet oder verloren „je nach seinem Glauben“ im selbstzentrierten Denken oder im Erkennen des Anderen, Nächsten. Aber viele gehen schon früh eigene Wege und werden anders, mehr oder weniger gläubig als ihre Eltern.

Wenn es Veränderungen beim Glauben gibt, kommt das auch von weiter her, im positiven Fall aus der größeren Wirklichkeit Gottes. Also nicht nur von innen, vom Ich. Von vielen Seiten, in vielen Formen, in vielen Zumutungen. Gott eröffnet neue Möglichkeiten des Glaubens, indem er sich selbst verändert und damit uns, nicht erst mit dem Auftreten Jesu, nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis heute. Gott ist jener Vertrauensraum, in dem Menschen wachsen und gedeihen können, weil sie sich von der Macht des Lebens selbst getragen, gehalten und bejaht fühlen.

Zu den Diskussionsbeiträgen

error: Inhalt ist kopiergeschützt.