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12. Auferstehung der Toten, Jüngstes Gericht, Ewiges Leben

Können wir aus dem Glaubensbekenntnis Passagen auslassen, nur „weil es uns heute schwer fällt, an Auferstehung und Ewiges Leben zu glauben?“ Ist ein christlicher Glaube auch ohne Auferstehung der Toten, Jüngstes Gericht, Ewiges Leben und Jenseits möglich? Es wird zwar heute weitgehend auf bildhafte Vorstellungen zu diesen Glaubensinhalten verzichtet (wie z.B. in „Hoffen über den Tod hinaus?“), aber positive Aussagen und Interpretationen dazu sind selten. Die folgende zum Thema „Jüngstes Gericht“ versucht eine Erklärung ohne „Jenseits“.

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Probleme mit der Rede von der (leiblichen) Auferstehung

Viele neue Formulierungen des Glaubensbekenntnisses lassen die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben bewusst aus.

Können wir aus dem Glaubensbekenntnis Passagen auslassen, nur „weil es uns heute schwer fällt, an Auferstehung und Ewiges Leben zu glauben?“

Viele, die den Glauben an Auferstehung und ewiges Leben unverändert beibehalten wollen, sehen in der Frage, ob „heute noch“ an dies oder jenes geglaubt werden kann oder nicht, keine für den Glauben relevante Kategorie.

Denn für sie ist „es sehr wohl möglich, und kommt vor, dass die Vergangenheit sich einer Wahrheit bewusst war, die von der Gegenwart vergessen wurde – und die trotzdem wahr bleibt. Ganz abgesehen von dem, was in einem kollektiven Unterbewussten wirksam aufbewahrt sein mag.“ Es wird zu bedenken gegeben:

„Wenn die Sünde oder das Böse heute unpopuläre und fast unverständlich gewordene Begriffe sind, beschreiben sie gleichwohl wesentliche Realitäten, die einer anderen Beschreibung nicht einfach zugänglich sind. Wenn das Heute nichts mehr mit ihnen anfangen kann, umso schlimmer für das Heute.“ Man wird es sich also nicht leicht machen können mit eigenen, neuen Glaubensweisen (wie dies z.B. Beatrice v. Weizsäcker in ihrem Buch „Ist da jemand?“ tut: „Wir brauchen Gott nicht um Vergebung zu bitten, weil er niemanden verdammt.“).

Versuche mit einer neueren Interpretation der Glaubenssätze zu „Auferstehung der Toten“ und „Ewigem Leben“ sind auch dadurch erschwert, dass darin eine Infragestellung der leiblichen Auferstehung Jesu gesehen wird. Das fällt dann unter das Verdikt des Apostels Paulus: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“

Auferstehung, Ewiges Leben und auch das „Jüngste Gericht“ können aber durchaus so in einem übertragenen Sinn so interpretiert werden, dass das Wesentliche des Glaubens erhalten bleibt und aktualisiert wird.

In der Frage nach dem ewigen Leben waren Antike und Judentum weithin illusionslos von der Vergänglichkeit und der Sterblichkeit alles Irdischen überzeugt (nicht aber das alte Ägypten, das ausgeprägte Jenseitsvorstellungen hatte und von dem sicher Einflüsse auf das Christentum ausgingen) und setzten keine Hoffnung auf die allenfalls schattenhafte Existenz in einer Unterwelt. Trotzdem suchen viele auch heute nach einen Sinn des Lebens, der durch die Sterblichkeit nicht zunichte gemacht wird. Ein solcher ist wohl nur zu finden, wenn ein Bezug zum „Ewigen“ als einem wichtigen Prädikat Gottes bzw. einer größeren Wirklichkeit gesehen wird.

An eine (mehr oder weniger „leibliche“) Auferstehung der Toten und Ewiges Leben zu glauben ist für ein gutes Leben in der Welt des Glaubens und des Vertrauens nicht nötig, aber auch nicht hinderlich.

Wer Todesängste durch den Glauben an Auferstehung und ewiges Leben besänftigen kann, hat damit ein wirkungsvolles Instrument gegen derartige Erfahrungen. Es bietet viele Chancen und Möglichkeiten zur (Selbst-)Reflexion und Abwehr einer Abwertung und Beeinträchtigung des Lebens.

Bilder für das Ewige?

Der protestantische Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1886-1965) definiert Spiritualität möglichst weit und umgreifend als das, „was auf das höchste Anliegen eines Menschen verweist und das, was uns unbedingt angeht“. Das Wesen der Religion besteht nach Tillich darin, dass sie sich mit dem Ewigen befasst .

Das Wort (oder der Wortteil) „Ewig“ ist dabei nicht nur unreflektiert als Zeitdauer und Zeit- und Raumüberschreitendes zu verstehen und zu gebrauchen, sondern als Bezeichnung einer anderen Dimension des Lebens, Denkens und Fühlens. Für den christlichen Glauben ist Gott „ewig“, durch ihn gibt es die über unser Zeitempfinden hinaus gehende „Ewigkeit“. Weil Zeit- und Raumloses nicht vor- und darstellbar ist, sind Bilder für das damit Gemeinte entstanden, wie Jenseits, Auferstehung der Toten, Jüngstes Gericht, Himmel, Hölle und ewiges Leben (in vielen Kirchen anschaulich und bildhaft dargestellt). Sie werden (aber heute außer z.T. im Glaubensbekenntnis und im Vaterunser, in Gottesdiensten und bei Bestattungen), kaum oder gar nicht mehre gebraucht, lassen sich aber, zumindest in ihrer früheren Funktion, erklären. Das Jenseits und die Bewertung der Lebensführung wurde von vielen Menschen sowohl als Hoffnung wie auch als Bedrohung empfunden, sehr häufig auch als ganz reales Geschehen , bzw. zu Erwartendes. Sie glaubten, dass es über, hinter den Räumen des alltäglichen Lebens (im „Jenseits“) noch eine andere, höhere Dimension von Zeit und Raum gibt, die zwar für Menschen unzugänglich und nicht verstehbar ist, aber die doch schon Verbindung mit dem jetzigen Leben hat.

In dieser Sammlung von „Kernfragen des Glaubens“ wird versucht, an zwei Beispielen zu zeigen, wie die im Glaubensbekenntnis stehende Aussage „… wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“ heute verstanden werden kann, ohne sie mit bildhaften Vorstellungen wörtlich zu nehmen.

Das Jüngste Gericht – die größere Wirklichkeit

Bei einer Reise der Evangelischen Akademikerschaft durch Südburgund waren mehrfach an den Eingängen romanischer und gotischer Kirchen Darstellungen des Jüngsten Gerichts zu sehen: Jesus, dem Gott nach der Bibel das am Jüngsten Tag stattfindende Gericht über alle Lebenden und Toten übertragen hat, sitzt oder steht erhöht. Unter ihm zur Rechten diejenigen, die zur ewigen Seligkeit bestimmt sind, zur Linken, schon in den Fängen schrecklicher Ungeheuer, die Verdammten. Alle waren beeindruckt und dachten daran, dass Jesus zu den Ungerechten sagt: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer“. Dagegen dürfen die Gerechten in das ewige Leben eingehen (nach Matthäus 25).

Man freute sich über die Erklärung, dass im Tympanon der Kirche in Autun unten auf der rechten Seite mehr Platz für Gerechte war als auf der höllischen Linken, und schmunzelte bei der Erinnerung daran, unter den Verdammten auch schon mal einen Mann mit Bischofsmütze gesehen zu haben.

Autun

Tympanon der Kirche in Autun, Foto: E. Uthke

Aber kaum jemand unter den Reiseteilnehmern wird heute noch ein Weltende dieser Art erwartet haben. Welche Bedeutung hat die Vorstellung vom Jüngsten Gericht noch für Gläubige unserer Zeit? Ist der Jüngste Tag der Übergang in die Ewigkeit?

Wir rechnen nicht mehr oder kaum noch (wie viele Menschen im Altertum und z.T. im Mittelalter) mit einem bald bevorstehenden Weltuntergang, verbunden mit dem Ereignis einer Wiederkunft Christi zum Gericht.

Zwar wird niemand ausschließen wollen, dass etwa nach voraussichtlich langer Zeit durch eine Explosion der Sonne der Planet Erde zerstört und damit alles Leben unmöglich wird. Aber ein damit verbundenes reales Ende der Zeit für alles Dasein (am „Jüngsten Tag“) mit dem Beginn einer „Ewigkeit“ ist schon begrifflich unvorstellbar (wenn mit den Bezeichnungen ein verstehbarer Sinn verbunden werden soll). Welche Bedeutung könnten also Vorstellungen wie das „Jüngste Gericht“ und „Ewigkeit“ für uns haben? (Es gibt Mythen vom Weltende mit mehr oder weniger apokalyptischer Ausgestaltung auch in anderen Religionen, wie z.B. im Koran).

Lange Zeit hatte der Glaube an das Jüngste Gericht die Wirkung, dass die dadurch erzeugte Angst Menschen mehr oder weniger dazu zwang, sich nach den Geboten und Werten ihrer Religion zu richten. Die offensichtliche (und z.B. in den Psalmen beklagte) Tatsache, dass Bösewichte oft keine Strafe oder negative Folgen ihrer Übeltaten erfahren, auch dass gute Menschen oft (oder meistens?) in ihrer Lebenszeit keine Belohnung für ihre Rechtschaffenheit erhalten, wird durch einen Ausgleich im Jenseits oder am Ende aller Tage erträglicher und hilft zum Bewahren des Glaubens an Gott (den Christen zum Festhalten an der Lehre Jesu).

Für den Glauben haben Gott und Jesus das letzte Wort. Sie urteilen über jeden einzelnen Menschen aufgrund ihrer umfassenden Kenntnis aller seiner Gedanken und Taten. Weil es schwer fiel zu glauben, dass der liebende und gnädige Gott Menschen wegen sogenannter Tod-Sünden zu einer ewigen Verdammnis verurteilt, gab es durch die Vorstellung eines Fegefeuers Abmilderungen (deren Käuflichkeit mit ein Anlass zu Luthers Reformation war). Als problematisch wurde auch die zeitweise vertretene religiöse Lehre empfunden, dass manche Menschen von vornherein zur ewigen Verdammnis prädestiniert sein könnten. Kritiker des christlichen Glaubens bzw. der kirchlichen Lehre (das letzte Gericht über „die Lebenden und die Toten“ und die Ewigkeit – das ewige Leben – stehen immerhin im allgemeinverbindlichen apostolischen Glaubensbekenntnis) sehen in solchen Glaubensinhalten hauptsächlich ein Instrument kirchlicher und religiöser Macht.

Neuere Auffassungen von Gott führen zu vertretbaren und lebensdienlichen Interpreta­tionen auch solcher Glaubens­formen und -­leh­ren. Darin werden Bilder und Metaphern mit ihren (zwar unangemes­senen, aber kaum vermeid­baren) jenseitigen Zeit- und Raumvorstellungen auf ihren wesentlichen Gehalt hin interpretiert.

Montceaux-l'Étoile: Tympanon im Eingangsfries, Foto: H. Holler

Tympanon Montceaux-l’Étoile, Foto: H. Holler

Gott als Richter – das bedeutet dann; alles kann auch anders beurteilt werden, selbst wenn ich das Urteil nicht kenne (sozusagen die Möglichkeit einer religiösen Revision).

Allein schon dieses Denken an die Möglichkeit einer anderen Beurteilung nach anderen Kriterien kann das eigene (Vor-!)Urteil relativieren und offen halten. Auch bei moralischen, religiösen oder Gerichtsurteilen, natürlich auch bei ästhetischem und politischem Ermessen. Manches Urteil würde dann nicht nur anders ausfallen, sondern auch der Umgang miteinander wäre wahrscheinlich menschenfreundlicher.

Das kommt in den Blick, wenn mit einem „Mehr“ gerechnet wird, von dem schon im Textteil „Was ist Glauben“ (Kap. 1) die Rede war: wenn der Glaube sich für den mit Gott vorgegebenen größeren Zusammenhang und seine größere Wirklichkeit öffnet.

Das Symbol des Jüngsten Gerichts kann bewusst machen, dass unser Verhalten, Tun und Denken sowohl zeitlich wie qualitativ-geistig (weitaus!) größere und längere Auswirkungen hat als wir erkennen können. Glauben wäre dann eine erhöhte Offenheit dafür, wohl wissend, dass ich und wir nur einen sehr kleinen Teil davon realisieren können.

Durch die Beziehung der Schuld auf Gott hilft der christliche Glaube dazu, einen größeren Zusammenhang ins Bewusstsein zu bringen.

Wenn Gott als der Richter bezeichnet, dargestellt und geglaubt wird, so wird damit gerechnet, dass Schuldige ganz anders beurteilt werden können, als ich das tue oder ein Gericht (und die Bild-Zeitung!) geurteilt hat. Wenn zum Beispiel durch falsches Fahren auf der Autobahn ein schwerer Unfall passiert und die Autobahn für Stunden blockiert ist, so wird der/die Schuldige strafrechtlich und zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen. Der Verlust der tausend Wartenden an Zeit, verabredeten Begegnungen, Geschäften oder Erfahrungen wird dadurch nicht erfasst und meist nicht einmal bedacht. Das religiöse Schuldwissen reicht schon hier (ansatzweise) in eine weitere Dimension, auch zeitlich. Sie wird u.a. auch durch die Metapher „Gott ist der Richter“ und das Bild des Jüngsten Gerichts ins Bewusstsein gebracht.

In diesem Sinn bemühen sich die Gerichte, bei Straftaten möglichst viel vom Hintergrund und Entstehungszusammenhang einer Straftat zu erheben, was oft schon bei der Rechtspflege zu „mildernden Umständen“ führt.

Bei einem tragischen Unfall während der Loveparade in Duisburg 2010 würden aus dieser Sicht nicht nur die Stadtverwaltung, der Veranstalter und die Polizei als möglicherweise Schuldige in Betracht gezogen, sondern auch die Gesellschaft, die Liebe und Lebensfreude (auch in den Medien) so feiert, dass Massen dabei in Ekstase und Panik geraten. Andererseits kann die große Zahl von Menschen, die Liebe, Lebenskraft und Lebenslust zusammen feiern wollen, auch dankbar gegenüber dem tieferen Grund dafür stimmen.

Auch bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko (2010) wird bei Offenheit für den größeren Zusammenhang nicht nur (berechtigt) an die Schuld der Ölfirma oder der amerikanischen Verwaltung gedacht, die die Bohrung mit zu geringen Sicherheitsauflagen genehmigt hat, sondern auch an den Druck, der von einer verschwenderisch mit Treibstoff umgehenden Gesellschaft ausgeht. Auch hier kommt Staunen und Dankbarkeit für den großen Reichtum an „Lebensmitteln“ in den Blick, den wir in unserer Welt vorfinden. Für uns entstanden? Ein sparsamer Gebrauch wäre der angemessene und geforderte Umgang damit, der nicht erst am jüngsten Tag belohnt wird.

Aus diesem Verständnis folgt ja auch, dass nichts Gutes vergeblich geschieht, selbst wenn es unerkannt im Verborgenen und erfolglos bleibt. Das gilt leider auch für das Böse „bis in das dritte und vierte Glied“ (1. Mose 20) und wohl noch weiter. Es gibt eine höhere und größere Wirklichkeit, in der das alles weit über unsere Erkenntnis hinaus aufgehoben und wirksam ist und bleibt. Christen und manche Religionen nennen sie Gott. Sie glauben an einen Gesamtzusammenhang, in dem und aus dem heraus das Leben erhalten bleibt und gegen alle Schuld immer wieder neu beginnen kann. Hierzu gehört auch die Ahnung von einer anderen Zeitdimension als die Endlichkeit der Uhrenmessung und der Natur, die von Gläubigen Ewigkeit genannt wird.

Natürlich müssen und dürfen wir urteilen und dementsprechend handeln. Und es kann auch hinderlich sein und skrupulös verunsichern, ständig mit der Möglichkeit der Aufhebung des eigenen Urteils zu rechnen. Aber die Offenheit für größere Zusammenhänge hat bei wesentlichen Lebensfragen doch lebensdienliche Wirkungen. Vor allem dann, wenn die Maßstäbe für das Urteilen berücksichtigt werden, die Jesus gepredigt und gelebt hat, im Bild gesprochen: Wenn Jesus im Gericht sitzt.

Die Frage ist allerdings, ob solche „Übersetzung“ von Metaphern wie „Jüngstes Gericht“ und „Ewigkeit“ nicht zu umständlich ist, um die genannten Wirkungen zu erzielen, weil diese zu stark mit bildhaften Assoziationen verbunden sind – wie mit den schönen Skulpturen an den romanischen und gotischen Kirchen in Burgund. Manche verzichten deshalb lieber auf religiöse Vorstellungen zum Verständnis von Schuld und Vergebung und vom Leben überhaupt.

Können wir auf die Entstehung neuer Symbole, Begriffe, Bilder und Vorstellungen für das Bewusstsein größerer Wirklichkeit und weiteren Zusammenhang beim Urteilen über sich selbst und andere hoffen, wenn die bisher und lange gebrauchten unserem Wirklichkeits­verständnis nicht mehr entsprechen? Bisherige Versuche machen Mut zu eigenen Gedanken und Aussagen in dieser Richtung, (auch wenn es bis jetzt nur einige wenige (brauchbar erscheinende) sind. Vielleicht kommen wir auch in Zukunft mit weniger (ganz wenig?) Begriffen aus, um Diesseits und Jenseits zusammen­gefasst zu benennen (so wie auch die Physiker auf der Suche nach der Weltformel sind – als TOE = theory of everything). Im nachfolgenden Beitrag „Hoffen über den Tod hinaus?“ wird in diesem Sinn das Wort „Liebe“ verwendet, das in der Bibel sogar als Bezeichnung für Gott gebraucht wird. (1. Johannesbrief 4,16). Liebe kommt auch im Tod nicht an ihre Grenze.

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